Warum von Gesunden abgeleitete Therapiekonzepte nicht einfach auf Diabetiker anwendbar sind

Es mag für den einen oder anderen vielleicht etwas seltsam klingen, aber ich bin (auch noch oder gerade nach 16jähriger Diabetes-Karriere) schon ab und zu mal ein wenig „neidisch“ auf gesunde Mitmenschen. „Neidisch auf Gesunde“ ist vielleicht  nicht ganz richtig ausgedrückt, es ist eher ein „Diabetes-Genervtsein“, nach dem Motto „Unterzuckerung passt jetzt mal gar nicht, will ich jetzt nicht, nervt, danke ausgerechnet jetzt hast du blöder Blutzucker mir das hier versaut…“

Warum von Gesunden abgeleitete Therapiekonzepte nicht einfach auf Diabetiker anwendbar sind

Warum von Gesunden abgeleitete Therapiekonzepte nicht einfach auf Diabetiker anwendbar sind

Insbesondere beim Sport bin ich entäuscht, wenn der Blutzucker mich ausbremst, auch wenn es glücklicherweise nur sehr selten vorkommt. Aber der Diabetes hat mir eben doch schon mal nen sportlichen Wettkampf gewaltig vermasselt. Naja dafür darf nun statt der Urkunde die 359er-Startnummer mit meinem roten Edding-Vermerk „DNF“ (did not finish) unsere Wohnung „schmücken“, mal was anderes, oder ;)?

Die habe ich trotzig wie ich dann bin unter einer „Dabei-sein-ist-alles“-Postkarte aufgehängt ;). Man muss ja auch zu seinen Niederlagen stehen ;), haha… Auch in einem Spinningkurs, bahnte sich mal eine Unterzuckerungs-Katastrophe an (blöd, weil ich den Kurs geleitet habe), aus der ich mir aber auch zu helfen wusste, siehe „Blindflug im Unterzucker…„. Also alles halb so schlimm… im Nachhinein. Dennoch wünsche ich mir natürlich schon, dass ich wie ein Gesunder auch, nicht selbst gemeinsam mit Blutzuckermessgerät und Insulinpumpe die eigentliche Aufgabe meiner Bauchspeicheldrüse bewältigen müsste. Ist nämlich ein schlecht bezahlter Job wie ich finde.

Nun habe ich mich über die Unterschiede im Stoffwechsel von Diabetikern und Nicht-Diabetikern genauer informiert. Natürlich ist mir klar, dass die von Gesunden abgeleiteten Therapiekonzepte nicht „perfekt“ bei Diabetikern funktionieren können.

Wir Diabetiker müssen nun mal selbst als Wächter unserer Blutzuckerwerte herhalten, müssen Essen, Alkohol, Bewegung, Stress, Resistenzen, Hitze,… so gut es eben geht vorausberechnen und aufeinander abstimmen. Und wir können nicht wissen, wie viel Insulin der Körper genau benötigt, bzw. nicht wissen, wie viel Insulin da noch im Körper „schwimmt“. Und da läuft noch einiges anderes bei uns quer:

  • Die Glukagonwirkung wird nur von der Glukose, nicht etwa wie bei Gesunden auch zusätzlich von den ß-Zellen gesteuert.
  • Die Wirkung des Insulins setzt nach dem Spritzen erst viele Minuten später ein.
  • Eine Überdosierung wird nicht wie beim Gesunden sofort gestoppt.
  • Das Insulin wird bei uns Diabetikern nicht in der Pankreasvene sondern in den Venen des Unterhautfettgewebes aufgenommen, bzw.
  • statt in das Zwischenzellwasser der Langerhans’schen Inseln in das des Unterhautfettgewebes abgegeben.
  • Beim Gesunden wird kontinuierlich der Blutzucker gemessen, wir Typ-1er machen das täglich mehrmals einzeln mit einem Blutzuckermessgerät, während das beim Gesunden etwa zwei Milliarden Zellen übernehmen.
  • Der periphere Insulinspiegel ist bei uns Typ-1ern mehr als 2-fach höher!

Das reicht erst mal, um Klarheit zu schaffen, warum von Gesunden abgeleitete Therapiekonzepte nicht auf Diabetiker vergleichbar anwendbar sind.

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  • Tim Nixda

    Hi steff, ich habe seit auch schon wieder drei jahren diabetes 1 und hatte vorher keine gewichtsprobleme. ganz im gegenteil ich war sogar richtig dürr. du verlinkst auf einen text „macht insulin dick“. seit diagnose habe ich monat für monat jar für jahr zugenommen und esse eher wenig bzw gesünder als vorher. für mich ist das der beweis, dass ich durch den diabetes richtig zugelegt habe. wäre nicht schlimm wenn nicht alles am bauch ansammelt. sport bringt auch nichts. wir haben es nicht so leicht wie gesunde mein stoffwechsel funktioniert nicht wie früher! VG Tim

    • Hi Tim,
      ja ich weiß auch nicht. Habe auch schon oft das Gefühl, dass ich mehr auf mein Gewicht achten muss als Nicht-Diabetiker, weil der Stoffwechsel „quer“ läuft und irgendwie durch die starken Blutzuckerschwankungen, die ich leider habe, keine optimale Fettverbrennung stattfinden kann. Ach ich weiß auch nicht… Habe den Diabetes in der Pubertät bekommen, deswegen kann ich schwer sagen, ob sich dadurch „Gewichtsprobleme“ eingestellt haben oder eher dadurch, weil man ja langsam „Frau“ wird ;)… zumal bei mir noch eine Essstörung dazu kam…
      LG Steff