Was ich manchmal so denke und wie ich die Realität bewusst ignoriere!

Nachdem ich nun auch die letzten Nachbereitungen für „Diabetes läuft.“ (fast ;)) abgeschlossen habe, konzentriere ich mich in meiner freien Zeit nun voll und ganz auf meinen Mann, meinen Diabetes, meine Hobbys und mich. So jedenfalls der Plan!
Die letzten Wochen waren verdammt hart, zumal noch Pressekonferenzen- und -berichte, wichtige Veranstaltungen und Fortbildungen anstanden, die neben der ganzen Spendenlauf-Orga, dem Berufsalltag, dem Training und dem Diabetes zusätzlich Energie raubten und Zeit kosteten. Zeit für meinen Mann, meine Kater, Familie, Freunde und Hobbys blieb so gut wie keine. Nicht mal den Tod meines Opas (der eine Woche vor „Diabetes läuft.“ friedlich eingeschlafen ist), konnte ich weder richtig verarbeiten, noch meine Eltern diesbezüglich unterstützen.
Hier noch mal zu guter Letzt der Spendenbeleg und ein Video von Sugartweaks/Blood Sugar Lounge, das ich megaaaa cool finde und das mich auch ein kleines bisschen stolz macht. Stolz auf euch alle:


Hat der Diabetes wirklich immer Prio 1…

EIGENTLICH bin ich der Meinung, dass man nie zu wenig Zeit hat, sondern nur die richtigen Prioritäten setzen muss. Ich konnte mich in letzter Zeit aber nicht mehr sortieren, alles war wichtig. Bei der Pressekonferenz zu der ich im Vorfeld der Diabetes-Herbsttagung zum Thema „Höchstleistung trotz Diabetes: Akzeptanz und Brillanz in Beruf und Freizeit“ von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) nach Berlin eingeladen wurde (was für ein passendes Thema), habe ich jedenfalls noch „schlau“ geredet „Diabetes hat Prio 1, egal was gerade ansteht… Gesundheit geht immer vor!“ Siehe auch: http://www.diabsite.de/aktuelles/nachrichten/2016/161113c.html
Klare Worte meinerseits. Doch noch während ich diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, musste ich kurz darüber nachdenken, wann ich eigentlich an besagtem Tag das letzte Mal meinen Blutzucker gemessen hatte. Nachdem ich mir morgens um 5 Uhr meinen FreeStlye Libre Sensor in der Hektik am Türrahmen abgeschossen hatte, nicht mehr. Aktuell war es 11 Uhr. Der Blutzuckerwert an jenem Morgen war miserabel (254 mg/dl) gewesen und ich hatte noch korrigiert. Mist :/, konnte ich nur hoffen, dass mich während meines Vortrags keine Hypo überrascht. Hypos folgen bei mir oft, nachdem ich Korrektur gespritzt habe.img_7951
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Was ich manchmal so denke…

Meine typischen Diabetes-Gedanken und -Überlegungen schossen mir wieder durch den Kopf: „Ich hätte noch mal messen sollen. Hätte, hätte Fahrradkette… Bitte jetzt keine Unterzuckerung… Soll ich die Insulinpumpe jetzt schnell ausschalten… Ein bisschen Saft trinken?… Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mein Blutzucker eher zu hoch ist. Mein Hände sind warm, eigentlich eher ein Indiz (bei mir) dafür, dass der Blutzucker zu hoch ist. Aber durch die Aufregung hier vor den Kameras, könnte es doch sein, dass mir deshalb warm ist…“ … Mhh… Mein Gefühl hatte mich schon oft getäuscht. Selbst nach 20 Jahren kann ich nicht mit Sicherheit aus dem Gefühl heraus sagen, wie hoch mein Blutzucker gerade ist. Ein paar Anzeichen erkenne ich, aber dann ist der Blutzuckerwert schon deutlich zu niedrig oder zu hoch. „Hätte ich doch heute morgen noch einen neuen Sensor gesetzt“.
Auf der Zugfahrt nach Berlin waren diese Gedanken wie weggeblasen. Ich habe ununterbrochen telefoniert, Mails verschickt, letzte Lauf-Orga-Arbeiten übernommen und noch nicht mal Zeit gefunden meinen Vortrag, den ich in meiner Mittagspause auf der Arbeit vorbereitet hatte, noch einmal für die anstehende Pressekonferenz durchzulesen. Irgendwie hatte ich den Diabetes verdrängt und ehrlich gesagt, hat mir das auch ein bisschen gefallen.

Den Diabetes verdrängen… Ein erleichterndes Gefühl

Dieses erleichternde Gefühl hatte ich natürlich nicht das erste Mal erlebt.
Ich denke, ihr wisst was ich damit meine? Ich kann nicht für euch sprechen, aber vermute, dass einige von euch diese Stresssituationen quasi mehr oder weniger auch schon mal herausfordern, um einfach mal den Diabetes vergessen zu können. Oder vielleicht habt ihr auch andere Taktiken. Nur her damit ;). Spaß beiseite… Schauen wir der Realität besser ins Auge.
Meinen Blutzucker hatte ich dann unmittelbar nach der Pressekonferenz gemessen. Mit etwa 140 mg/dl konnte ich zufrieden sein. Dennoch habe ich mich geärgert, weil ich mit ungutem Gefühl vor den Kameras gesessen habe. Der Kopf war nicht frei. Innerlich war ich angespannt und das hätte ich mir ersparen können, wenn ich meinen Satz „Diabetes hat Prio 1“ auch in dieser Situation, gelebt hätte. Eine Blutzuckermessung dauert höchstens eine Minute.

Diabetes-Frust und wie ich mich selbst betrüge

In dieser Situation war ich glücklich, dass mein Blutzuckerwert in Ordnung war. Insbesondere ein zu hoher Wert hätte mich jedoch gefrustet und wieder zu diesem typischen Gedankenkarussell geführt: „Was habe ich falsch gemacht? Wieso benötige ich heute so viel mehr Insulin als gestern, wenn ich mich doch nicht anders bewegt oder anderes gegegessen habe…“. Alberne Gedanken, da eben alles deinen Blutzuckerwert beeinflusst, du es nicht immer in der Hand hast. Aber zum Glück war ja alles im grünen Bereich.

Selbstschutz-Mechanismen

Manchmal will ich meinen Blutzuckerwert auch gar nicht wissen. Das ist genauso wie mit meinem Körpergewicht, das interessiert mich auch nicht. Das ist wohl eine Art Selbstschutz. Ich will mir meine Laune nicht verderben lassen. Ich erwische mich
dann beispielsweise dabei, dass ich vorsorglich, vorsichtig etwas Korrekturinsulin spritze und erst eine halbe Stunde später meinen Blutzuckerwert messe, um mich dann über einen 100er Blutzuckerwert zu freuen. Gleiches Prinzip, auch wenn ich Hypos wahrnehme. Erst essen, dann messen und sich über einen super Blutzuckerwert freuen. Total lächerlich, das weiß ich auch, aber in manchen Situationen brauche ich das für mein Ego. Kennt ihr das auch?

Die Vernunft holt mich wieder ein…

Diabetes ist ein Fulltime-Job, 24 Stunden am Tag erfordert er Aufmerksamkeit. Klar, dass man sich Taktiken ausdenkt, um sich mal ne Pause zu gönnen. Funktioniert aber nicht wirklich! Alles kann den Blutzucker beeinflussen und verändern und Hormone lassen sich nun mal nicht überlisten. Klar, belastet der Diabetes auch die Psyche und natürlich bleibt auch der Partner/die Familie nicht davon verschont. Mein Mann und ich haben Abmachungen getroffen etwa, „Alles was ich während einer Hypo gesagt habe, dass habe ich nicht gesagt.“ 
Trotz Diabetes bin ich glücklicherweise voll leistungsfähig, sei es im Berufsleben, im Sport oder what ever. Ich muss halt nur etwas mehr Acht auf mich geben.  An dieser Stelle sollte aber auch noch mal deutlich werden, wie groß der Wunsch nach Systemen/Technik ist, die einem, wie es bereits das CGMS und die Insulinpumpe tun, das Management vereinfachen, wenn schon keine Heilung absehbar ist. Manchmal ist es wirklich ein Kraftakt, sich um den Diabetes zu bemühen. Insbesondere dann, wenn weitere Krankheiten, Schicksalsschläge, Todesfälle, beruflicher oder privater Stress sich dazu gesellen oder andere Schwierigkeiten und Probleme auftauchen und gelöst werden müssen. Man hat eben immer noch zusätzlich den Diabetes, mit dem die Funktion eines Organs selbst in die Hand nehmen muss.
Dennoch freue ich mich auch weiterhin, dass ich Diabetes habe, denn wenn ich mich nicht freue, habe ich ja trotzdem Diabetes… Und die Nächste Zeit werde ich übrigens so verbringen 😉 (siehe Fotos) … Na gut, ein bisschen Arbeiten muss ich natürlich auch noch, um mir meine Brötchen zu verdienen ;).
springe
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Geteilte Freude ist doppelte Freude!Share on Google+Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on Pinterest
  • Markus

    Wahre Worte, steff. Dein schreibstil gefällt mir.

  • jana

    GENAU SO IST ES!