ProAm Hannover – Nicht gesund ins Ziel gekommen

Letzten Sonntag war Premiere des ProAm Hannover, einem Radrenn-Event für Jedermann. Seit 1975 kannten wir hier in Hannover lediglich die „Nacht von Hannover“, bei der nur Radsportprofis teilnehmen können. In diesem Jahr durften aber Hendrik, ich und zahlreiche andere Amateure ebenfalls starten. Zwar nicht in der Nacht gemeinsam mit den Profis, sondern am darauffolgenden Tag bei einem gesonderten Rennen. Das Pro in ProAm steht für Profi, das Am für Amateur, der Leitspruch lautet: „die Nacht, dein Tag“. Damit hat Hannover hoffentlich auch in den folgenden Jahren ein cooles Radsportwochenende das „24 h Hannover – ProAm“ dazu gewonnen. 

Wir hatten uns für die 70 Kilometer-Strecke angemeldet, 114 Kilometer konnten auch gefahren werden. Insgesamt strampelten letztendlich 1200 Jedermänner durch Hannover und die Region. Die Orga war super, so wie ich das vom Marathon Hannover, der auch vom Team Eichels Event ausgetragen wird, gewohnt bin. 

Mein Mann Hendrik und ich hatten uns vor geraumer Zeit, eigentlich mehr aus einer Laune heraus und mit dem gleichen Ziel, das ich bei meinem ersten Marathon auch hatte, angemeldet: Finishen und dabei gesund ins Ziel kommen. Na ja gut, gesund ist relativ, behaupte ich jetzt mal so als Typ-1-Diabetikerin ;). Gesund ins Ziel kommen: Bitte, wie geil wäre das denn???

Besser doch nicht beim ProAm in Hannover starten?

Es gab im Vorfeld genügend Gründe, die dagegen sprachen, unser erstes gemeinsames Radrennen anzutreten, das irgendwie auch ein vorgezogenes neuntes Hochzeitstag-Geschenk war:

Der Rennradsturz

Ich hatte zwei Wochen zuvor einen Radsturz, bei dem ich mit dem Kopf gegen eine Betonmauer schlug. Dank Helm hatte ich zwar nur Schürfwunden und Prellungen davon getragen, aber die Angst fuhr noch mit. Immerhin war ich kurz vor dem Radrennen wieder in der Lage aufs Rad zu steigen. Wenn auch vorzugsweise auf den Crosser statt aufs Rennrad.

Das 3-Tage-Fieber

Zu dem hatte mein Mann noch ne Woche zuvor unerklärlich hohes Fieber bekommen. Mal ebenso drei Tage. Aber es verschwand genauso plötzlich wie es kam.

Das Hochwasser

Das ProAm drohte aufgrund des Hochwassers wortwörtlich ins Wasser zu fallen. Aber Eichels Event ist mit konstruktiver und sehr guter Zusammenarbeit mit der Polizei doch noch gelungen, die Veranstaltung zu retten.

Aber bis auf die Blutzuckerwerte hatte sich alles halbwegs zum Guten gewendet und letztendlich standen mein Mann und ich (neben nicht mal 60 Frauen!!! und an die 600 Männern) dann doch an der Startlinie. Die Sonne schien, die Musik, die Worte und das Lächeln der Mitstreiter sowie die motivierenden Durchsagen des Orga-Teams und der Radprofis ließen doch noch etwas Freude auf das Rennen aufkommen. Nun gut, die Blutzuckerwerte aber weniger…

Die Blutzuckerwerte und die Diabetes-Logik während des ProAm Hannover

An dieser Stelle eine Übersicht/Timeline der BZ-Werte und mein Korrektur-Vorgehen. Tja, damit wird wieder einmal deutlich, du steckst halt nicht drin… Die Logik meines Diabetes werde ich wohl nie verstehen. Wie hättet ihr gehandelt? Genauso oder ganz anders?
Hinweis: Ich hatte keine Ketone!
  • 6:00 Uhr: Nach dem Aufstehen: 249 mg/dl. Toller Start in den Tag… Nicht. Ausgerechnet heute am Tag des ProAm Hannover. Korrektur gespritzt, vorsichtig eine Einheit Insulin. (Zum Frühstück (Bolus nach Plan) gab es tatsächlich wieder diese Pancakes aus nur zwei Zutaten:)).
  • 8:00 Uhr: 278 mg/dl!!! Noch mal Korrektur gespritzt (mit Einwegspritze), wieder vorsichtig eine Einheit Insulin.
  • 9:00 Uhr: 309 mg/dl!!! Diabetes-Logik halt! Blutzucker steigt, nachdem ich Insulin gespritzt habe. Ich hasse es! Erneut Korrektur gespritzt, vorsichtig eine Einheit Insulin (mit Einwegspritze), weil es so’nen Spaß macht.
  • 9:30 Uhr: 299 mg/dl Was tun? Besser vorsichtig doch noch mal eine Einheit spritzen (mit Einwegspritze), aber Basalrate schon mal temporär um 60 Prozent für 2 Stunden reduzieren. In 50 Minuten sollte der Startschuss des ProAm Hannover schließlich schon fallen.
  • 10:18 Uhr: 224 mg/dl Start, auf geht es. Traubenzucker, Libre, Insulin und Ersatz-Pen hatte ich alles halbwegs griffbereit positioniert. Ich nutze gerne die Tasche, in der eigentlich mein Pannenset lagert.
  • Während des Rennens, nach 1,5 Stunden: 300 mg/dl. Korrektur gespritzt, vorsichtig eine Einheit Insulin (mit Einwegspritze). Langsam nervt es!!!
  • Ende des Rennens: 310 mg/dl Korrektur gespritzt, 2 Einheiten Insulin (mit Einwegspritze).
  • 16:00 Uhr: Völliger Absturz auf 39 mg/dl, von über 300 mg/dl auf 39 mg/dl in einer halben Stunde. Bingo! Ich hatte es aber auch erwartet… Und plötzlich wirkt das ganze Insulin auf einmal!

Meine Vermutung? Hormone, Adrenalin, Anspannung. Anders kann ich mir so etwas nicht erklären. Während die anderen Radfahrer mit den Wind kämpften, kämpfte ich also mal wieder mit meinen Blutzuckerwerten. Das sind übrigens mitunter diese Momente, in denen ich meinen Diabetes verfluche! Hohe Blutzuckerwerte spüre ich mitunter in den Muskeln. Die machen dicht! Meine Atmung wird schwer fällig. Ich konnte das Rennen wenig genießen. War mit meinen Gedanken nur beim Diabetes und auf der Suche nach Lösungen.

Mein Fazit?!

Dennoch freue ich mich, dass ich mit meinem Mann das Ziel erreicht habe. Aber ich fühlte mich auch schlecht und war enttäuscht von mir. Ich erwischte mich dabei, wie ich noch ewig darüber nachdachte, warum ich versagt habe, den Diabetes nicht unter Kontrolle bekommen hatte. Es ist wieder eines dieser Misserfolgerlebnisse, die mich an mir selbst zweifeln lassen, auf die ich gut und gerne verzichten kann.

Dennoch machen mich solche Erlebnisse auch stärker. Diesmal war es zudem auch die Lautsprecher-Durchsage bei der Zieleinfahrt, die mich etwas aufgebaut und etwas stolz gemacht hat: „Team ‚diabetes-leben.com‘ ist im Ziel angekommen und lässt sich den Spaß von der Krankheit nicht nehmen. Respekt!“

Ich bereue es natürlich auch nicht, gestartet zu sein. Der Diabetes kann nicht immer bestimmen, wo es lang geht. Das tut er oft genug. Hypo nachts, ich schmiere ihm eine Nutella-Stulle, Ketone, ich verzichte auf das Training… Ihr wisst schon.

Und was wäre gewesen, wenn ich nicht gestartet wäre? Kein Plan, wie es um die Blutzuckerwerte ausgesehen hätte. In jedem Fall wäre ich aber auch traurig und enttäuscht gewesen.

Abschließend Danke für die Orga, für unterhaltsame, faire Mitstreiter und motivierende Zuschauer. Vom Wind und meinem Diabetes erwarte ich eine Wiedergutmachung im nächsten Sportwettkampf, was auch immer das für einer sein wird ;).

Geteilte Freude ist doppelte Freude!Share on Google+Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on Pinterest