Sport mit Loop und ohne! Bereit für Künstliche Intelligenz?!

Nicht selten werde ich gefragt: „Wie managt du deinen Diabetes im Sport mit Loop und wie hast du das vorher ohne Loop gemacht? Läuft es jetzt besser? Um wie viel Prozent und wie lange reduzierst du deine Basalrate? Mit welchem Wert startest du das Training? Oder regelt der Loop das alles automatisch?“ Das sind die wohl am häufigsten gestellten Fragen. Was soll ich darauf antworten? Ich bin kein Freund von Antworten wie „Ich reduziere für den Sport meine Basalrate 90-120 Minuten um XYZ Prozent, starte mit nem Wert von 180 mg/dl oder gebe weniger Bolus vorher zum Essen ab…“. Bliblablubb ;)… Denn was bei mir heute im Sport funktioniert hat, muss bei dir noch lange nicht funktionieren und kann auch bei mir morgen und für einen anderen Sport wieder querlaufen. Hier hatte ich bereits über die zu kalkulierenden Faktoren im Sport geschrieben, die Einfluss nehmen: So kalkuliere ich 22 Faktoren, die den Blutzucker im Sport beeinflussen

Die konkrete Anleitung für Sport mit Diabetes gibt es also nicht. Aber zurück zum Thema: Wie funktioniert es denn dann mit dem Diabetes im Sport. Na ja eben immer anders ;)? Oder? Nun fangen wir damit an: Sport ist nicht gleich Sport!

Künstliche Intelligenz Sport mit Loop

Sport ist nicht gleich Sport und erfordert unterschiedliches Diabetesmanagement!

Klar, da gibt es den Freizeitsport, den Wettkampfsport, den Ausdauersport, den Kraftsport und auch ganz verschiedene Trainingsmethoden. Weiterhin sind wir alle unterschiedlich austrainiert in den Sportarten und injizieren nicht die gleichen Insuline, einige nutzen Pens und andere wiederum Insulinpumpen. Allein deshalb kann dir schon niemand konkret sagen, wie du im Sport dein Diabetesmanagement angehen solltest. Ausgenommen vielleicht das medizinische Fachpersonal, dass dich gut kennt. Zumindest kannst du dir dort in der Regel hilfreiche Tipps abholen.

Grundsätzlich sollte man wissen, wie lange das Insulin wirkt, wie sensibel man im Sport darauf reagiert, wie viel Insulin bei Bewegung weniger oder gar mehr on Bord sein sollte.  Bei Sportarten, die ich vorher noch nie ausprobiert habe, teste ich mich vorsichtig heran. Was ich sowieso immer dabei habe, ist Traubenzucker. Dank CGM fühle ich mich sicher. Im Sport stelle ich die Niedrig-Alarme schon bei 120 mg/dl oder bei Wettkämpfen auf 140 mg/dl ein. Ich lasse mich auch warnen, wenn mein Blutzucker sehr stark ansteigt oder abfällt. All das kann man individuell über das CGM-System einstellen. Ich habe für mich völlig verschiedene Einstellungen für verschiedene Trainingsmethoden/Sportarten ausgetüftelt und zwar so:

Sportliche Wettkämpfe wie Marathon und Radrennen

Einen Marathon läuft man 42,195 Kilometer, nicht mehr, nicht weniger, und er startet dann, wenn er startet, wartet also nicht auf den passenden Blutzuckerwert. Genau wie auch ein Radrennen oder andere Wettkämpfe. Wenn du dir dann noch eine anspruchsvolle Zielzeit gesteckt hast, dann ist das ne verdammt große Herausforderung (nicht nur) mit Diabetes. Hast du einen guten Tag, einen schlechten Tag? Bist du nervös oder entspannt? Nun, überliste bzw. kalkuliere mal deine Hormone in deine Insulindosis. Nun Versuch macht klug oder doch nicht? Richtig. Mittlerweile habe ich die Erfahrung im Marathon und das Verhalten meiner Blutzuckerwerte ist dabei, sagen wir, recht ähnlich. Der erste, zweite und vielleicht auch noch der dritte Marathon brauchten Übung. Spätestens beim vierten Marathon habe ich aus meinen Fehlern gelernt: Etwa, dass ich aufgrund der Aufregung und Anspannung mehr Insulin brauche, als für die gleiche Strecke im Training. Das gilt jedoch nicht beim Halbmarathon, 10 Kilometer Lauf oder Ultramarathon. Hier habe ich wiederum andere Erfahrungswerte gesammelt.

Kontinuierliche Bewegung 24 Stunden: 143 Kilometer, 3,5 Marathons

Ich erinnere mich etwa an meinen 24-Stunden-Lauf zurück. Man sagt, zwar der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt. Nun einige Narben erinnern mich dann aber doch noch daran zurück, es schmerzt aber nicht mehr ;). Bei diesem Lauf bin ich 3,5 Marathons (143 Kilometer) am Stück ohne Pause gelaufen. Das war das erste und wohlmöglich auch letzte Mal ;). Ich habe den zweiten Platz aller Frauen und den ersten meiner Altersklasse belegt. Ja das war eine Prozedur für den Körper, die man sich nicht alle Tage antun kann und sollte, auf die man aber trotzdem stolz ist ;). Aber wie ist dieser Lauf meinen Blutzuckerwerten bekommen? Erstaunlich gut, trotz der Bedingungen. Es fehlte Schlaf, das bedeutet für mich eigentlich, dass ich mehr Insulin brauche. Auch mental überschritt ich Grenzen. Kein Wunder, da die ganze Nacht Helene Fischers Song „Atemlos durch die Nacht“ gespielt wurde ;). Ernsthaft, der Körper war rund um die Uhr in Bewegung, ich hatte nachts Halluzinationen. Ja, es war hart, aber ich hatte kontinuierlich sehr gute Werte. Hier waren abhängig vom Blutzuckerwert viele spontane Entscheidungen nötig. Ich war sehr froh, dass ich während des Laufes viel Beschäftigung mit meinen Diabetes hatte, da es mich abgelenkt hat von Gedanken wie „Warum mache ich das hier eigentlich, was tue ich mir hier an und sollte ich nicht besser nach Hause fahren…“ Im Nachgang habe ich dann mein „Diabetes-Tun“ wieder analysieret:

Jede Runde (1 Kilometer) ab Kilometer 25 hatte ich eine kleine Salzkartoffel gegessen. Mein Basal lief die meiste Zeit auf 40 Prozent, nach 8 Stunden laufen, habe ich dann die Basalrate wieder um 10 Prozent erhöht (auf 50 Prozent) und erst nach 16 Stunden wieder reduziert. Hier gab es dann auch keine Salzkartoffeln mehr, nicht zuletzt weil sich der Magen/Darm-Trakt meldete. Das ist bei solchen Extremläufen mindestens genauso „normal“ wie Rückenschmerzen und Blasen. Danach hatte ich für die letzten 8 Stunden wieder 40 Prozent Basalrate gesetzt. Zwischenzeitlich waren aber noch 2 kleine Korrekturen nötig und so weiter und so fort. Für den nächsten 24 Stunden Lauf (nein, danke ;)) wäre ich mit diesen verzeichneten, aufgeschriebenen Daten, also gut gerüstet und könnte ggf. noch weiter optimieren.

Sport in der Funktion als Trainer

Ein Jumping Fitness oder Spinningkurs, den ich unterrichte, der dauert eine Stunde und findet zu einer bestimmte Uhrzeit statt. Mein Puls jagt dabei richtig in die Höhe. Dabei sollte ich auch fitter und konzentrierter sein als meine Teilnehmer, diese anheizen und alles aus mir rausholen. Da sind zu hohe genau wie zu niedrige Werte völlig fehl am Platz. Da muss der Blutzucker passen und alles genau (wie eben möglich) geplant sein. Wie gut ich das planen kann? Wenig gut, aber es funktioniert mittlerweile… meistens ;). Adrenalin gut kalkuliert? Na ja, nicht ganz. Auch hier spielt die Erfahrung und das Sammeln der Daten eine Rolle. Es heißt nicht umsonst „Diabetes ist eine Datenmanagement-Erkrankung“.

Ich habe wieder analysiert: Wann und wie habe ich vor dem Kurs meine Basalrate verändert? Wann habe ich das letzte mal gegessen? Was? Wie viel Carbs waren on Board? Was lief gut, was nicht? Wie haben sich meine Blutzuckerwerte dabei verhalten? Wie mein Puls? Genau das analysiere ich, wie auch die Tageszeit, mein Wohlbefinden, das IOB und leite daraus ab. So konnte ich etwa feststellen, dass ich sogar mehr Insulin benötige, als wenn ich entspannt auf dem Sofa liegen geblieben wäre ;). Hier sollte die künstliche Intelligenz schalten können, wie auch bei dem ganz anderen Sport…

Der ganz „normale“ Freizeitsport

Zum Freizeitsport, so will ich ihn mal nennen gehören etwa Radtouren (ob MTB oder Rennrad) mit meinem Mann ohne großes Tempo, ne lockere Waldrunde mit Trimmdichpfad (oder nennt es Crossfit ;)) oder Cardio- und Krafttraining (ohne Wettkampfgedanken) im Studio. Das ist was anderes und für mich (oft!) deutlich leichter einzuplanen und zu berechnen. Hier kann ich starten und aufhören, Intensität rein und rausnehmen wie ich möchte.

Das bedeutet aber nicht, dass es hier nicht auch ungeplant zu Hypos und Hypers kommen kann. Insbesondere Hypos habe ich hierbei sehr viel häufiger, weil ich die Sache entspannter angehe und unter keinen Druck stehe.

Sport mit Loop: Was hat sich verändert?

So und bisher arbeite ich mit dem Loop mit sehr unterschiedlichen Sportprofilen. Diese sehen verschiedene Basalratenabsenkungen und höhere ISF vor. Nicht selten starte ich aber auch komplett ohne Veränderungen der Basalrate. Ich arbeite mit Zielwerten, etwa oft und gern beim Krafttraining oder kleineren Lauf- und Radrunden. Der Loop schaltet dann Basal automatisch rein und raus, wenn ich ihm rechtzeitig unter Berücksichtigung der Insulinwirkdauer mitteile, welchen Zielwert ich mir für den Sport wünsche. Letztendlich verändert er die Basalrate während meines Treibens 😉 so, dass mein gesetzter Zielwert erreicht und aufrecht erhalten wird.

Ist mein aktueller Blutzuckerwert etwa bei 90mg/dl, reicht es mir für den Freizeitsport oft, wenn ich meinen Zielwert 30-60 Minuten (je nach Blutzuckertendenz) für 120 Minuten auf 140 mg/dl setze, wenn der Sport etwa 90-120 Minuten dauert. Das habe ich für mich persönlich ausgetestet.

Hier wird der Vorteil des Loops deutlich: Ein Closed-Loop-System passt die Insulinzufuhr nach Bedarf bzw. individuell festgelegtem Zielwert an. Neben dem aktuellen Blutzuckwert berücksichtigt der Algorithmus die Abweichung zu den zuvor gemessenen Blutzuckerwerten, das aktuell im Körper wirkende Insulin, den eingestellten Blutzucker-Zielwert, die über Mahlzeiten aufgenommenen Kohlenhydrate und viele weitere Faktoren. Zudem werden körperspezifische Rahmenbedingungen einbezogen, denn jeder Patient reagiert anders auf Insulin und Kohlenhydrate.

An die Grenzen kommt der Loop, wenn Adrenalin mit im Spiel ist (beispielsweise bei Wettkämpfen) und der Blutzucker nach einer kurzen Talfahrt wieder nach oben schießt. Hier greift der Loop in der Regel zu spät und man selber muss rechtzeitig durch einen Profilwechsel und/oder einen angepassten Zielwert auf die drohende Blutzuckerspitze reagieren.

An dieser Stelle hoffe ich, dass Closed-Loop-Systeme zukünftig wiederkehrende sportliche Aktivitäten erkennen, mitzeichnen, daraus Regeln ableiten und die zur Aktivität passende Insulindosis abgeben. Diese künstliche Intelligenz sollte auch für Mahlzeiten etc. funktionieren.

Grenzen des Loops: Bereit für künstliche Intelligenz?

Ganz ohne manuelle Eingriffe kommt man also auch bei Verwendung eines Closed-Loop-Systems nicht aus. Wie oben beschrieben, sind im Sport etwa verschiedene Basalratenprofilwechsel nötig oder die Eingabe von Blutzucker-Zielwerten. Auch bei Essensaufnahme beispielsweise muss die Insulinabgabe durchgeführt werden, da das System vom geplanten Essen ja nichts weiß.

Aber künstliche Intelligenz wird auch im Bereich Diabetes-Management sicherlich nicht mehr lange auf sich warten lassen. So hat u. a. das französische Unternehmen Diabeloop große Pläne und möchte auch Bewegungsgewohnheiten und den mahlzeitenabhängigen Insulinbedarf automatisieren. Der Algorithmus soll sich nach und nach die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten des Anwenders merken und diese in die Berechnung der benötigten Insulinmenge einbeziehen. Hier wird schon sehr viel gemauschelt ;). Nun, die Pharmaindustrie hat ja immer einige zusätzliche Hürden zu überwinden, aber wer weiß, was sich die DIY-Community noch so einfallen lässt. Bisher waren sie der Industrie ja immer einen Schritt voraus.

Ich bin in jedem Fall jetzt schon bereit für Künstliche Intelligenz, ihr auch ;)?

Geteilte Freude ist doppelte Freude!Share on Google+Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on Pinterest