Sorry, aber ich bin nicht so schlau wie eine Bauchspeicheldrüse!

Kaum jemand begreift wohl die Komplexität des Typ 1 Diabetes, wenn er ihn nicht selbst an der Backe hat. Medikament schlucken und die Werte sind in Ordnung? Ist nicht. Wir übernehmen als Diabetiker die Funktion eines Organs! Und es ist verdammt schwierig, so zu denken wie eine Bauchspeicheldrüse! Eine Bauchspeicheldrüse ist verdammt schlau (nur die eines Typ 1-Diabetikers nicht). So schlau sind wir alle nicht…

Sorry, aber ich bin nicht so schlau wie eine Bauchspeicheldrüse!

Vom Arzt für schuldig erklärt!

Ich weiß nicht, wie es euch ergeht, aber jedes mal gehe ich mit einem schlechten Gefühl, gar etwas Angst zum Arzt. Warum? Zum Einen, weil ich in der Vergangenheit viele weniger schöne Erlebnisse hatte. Reaktionen wie „Was haben sie denn da für einen HbA1c-Wert fabriziert? Wie haben sie denn das geschafft?“ Oder während eines Ultraschalls: „Oh mein Gott, ich kann ihre Nieren nicht finden“, oder „Sie müssen sofort in die MHH (Medizinische Hochschule Hannover), könnte Leberzirrhose sein“ schocken! Genauso habe ich sie erlebt und war jedes Mal mit meinen Nerven am Ende! Mittlerweile habe ich zumindest eine gute Diabetologin gefunden, die mit mir umzugehen weiß, nicht zuletzt, weil sie selbst Typ 1 Diabetes hat. Ansonsten hatte ich leider eher weniger Glück mit Ärzten. Vielleicht bin ich in der Hinsicht aber auch einfach zu sensibel? Zu zart besaitet? Vermutlich. Aber ein bisschen mehr Sensibilität und Feingefühl würde einigen Ärzten auch nicht schaden.

In Sachen Blutzuckerwerte gibt man sich jedenfalls oft selbst die Schuld, da muss nicht noch ein Arzt drauf rumhacken! Und schon gar nicht das Diabetes-Management an Hand des nahezu nichtssagenden HbA1c schlau bewerten.

Sollte man sich für schlechte Blutzuckerwerte die Schuld aufladen?

Sollte man sich aber die Schuld selbst aufladen, wenn es mal nicht rund läuft? Die Blutzuckerwerte nicht im Zielbereich liegen? Nun ja, wenn ich schlampig war, mich vorzugsweise um die Arbeit, meine Hobbys, den Haushalt oder um sonstige Dinge gekümmert habe und eher bescheiden um mein Diabetesmanagement, dann vielleicht schon? Oder wenn ich unüberlegt beim Essen zugelangt habe? Aber darf man nicht auch mal am Ende seiner Kräfte angelangt sein und mal für einen Moment alles hinschmeißen? Kennt nicht jeder diesen Moment, diesen Punkt, an den einfach gar nichts mehr geht?

Nein, mit Diabetes bist du doch Powerwoman/-man! Musst du sein. In gewisser Weise auch ein Stehaufmännchen. Wir habeneine Doppelbelastung. Ein Schicksalsschlag wirft nicht nur uns, sondern auch den Diabetes mit aus der Bahn, der ausgerechnet dann noch mehr Aufmerksamkeit fordert. Trauer, Stress, Probleme, Krankheit, sei es eine fiese Grippe oder gar „Schlimmeres“ belasten also nicht nur uns, das Gemüt, sondern erschwert auch das Diabetes-Management!

Es ist nicht immer leicht und sich die Schuld zu geben, macht es auch nicht besser. Also besser Stehaufmännchen spielen. Weiterkämpfen statt Schuld zuweisen, es lohnt sich und was bleibt einen auch anderes übrig?

Diabetes ist ein Ausdauersport, den du dein Leben lang betreiben musst und zwar ohne Verschnaufpause!

Diabetes ist ein ziemlich anstrengender Ausdauersport, den man sich nicht ausgesucht hat, sondern den man eben betreiben muss. Um fit zu bleiben, um zu (über-)leben. Dieser Ausdauersport ist anstrengend, weil du ihn 24 Stunden am Tag betreibst. Du kannst nicht einfach sagen, ich mache mal kurz eine Verschnaufpause! Funktioniert nicht!

Nur die wenigsten können sich wohl vorstellen, was es bedeutet, 24 Stunden die Aufgabe eines Organs zu übernehmen. Viele reagieren geschockt, wenn du ihnen erzählst, dass du dir das Insulin subkutan verabreichst/spritzt. Aber das ist für uns Diabetiker wohl das geringere Problem. Es sei denn man hat einen Spritzen-Phobie.

Diabetes Typ 1 ist komplex; du übernimmst die Funktion deiner Bauchspeicheldrüse

Da wäre die Rechnerei, Planerei, Überlegerei, wie viele Einheiten Insulin man fürs Essen, für bestimmte Situationen und Umstände nun wieder verabreichen soll, um die Blutzuckerwerte im Zielbereich zu halten… Oder eben jene Gedanken darüber, warum es dennoch wieder nicht hingehauen hat, obwohl man doch alles perfekt kalkuliert hat, nichts anderes als den Tag zuvor gemacht hat. Warum die Werte so hoch angestiegen oder so tief abgesunken sind, ganz anders als erwartet… Jeder Tag verläuft eben anders. Das ist nicht wie bei einigen anderen Krankheiten, Tablette rein und gut ist, alles wieder im Lot! Nein, so läuft der Hase nicht!

Wie gerne würde ich einfach loslaufen, zum Sport gehen, essen, ohne das fest einplanen zu müssen. Wenn ich das aber machen würde, endet das in der Hypo oder Hyper. Weniger schön! Oder wie cool wäre es sich beim Sport voll und ganz aufs Training konzentrieren zu können, ohne nur einen Gedanken an den Diabetes zu verschwenden… (siehe auch: „24 Stunden Lauf, nach 143 Kilometer aufs Siegertreppchen gehievt„)

Einfach mal ohne Diabetes-Gedanken, ohne Ängste vor Hypo, Hyper, Folge- und Begleiterkrankungen leben… Nicht essen zu müssen, wenn ich keinen Hunger habe oder nicht zu dürfen, wenn ich Hunger habe.

In meinem Leben richtet sich viel nach dem Diabetes, das bleibt einfach nicht aus. Auch wenn ich mir mein Leben nicht vom Diabetes bestimmen lasse, spielt er eine sehr große Rolle. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen ohne diese Diabetes-Gedanken (siehe Nicht-Diabetiker müssen doch Langeweile haben), diese verantwortliche  Aufgabe, mich um meine Krankheit kümmern zu müssen, den Alltag zu bestreiten. Ich würde aber natürlich (fast) alles dafür geben, es einfach mal ausprobieren zu dürfen. Ein großer Traum, der sich vielleicht eines Tages für viele Typ-1-Diabetiker erfüllen wird? Wir geben die Hoffnung jedenfalls nicht auf, oder?! Und bis dahin müssen wir eben versuchen zumindest annährend so schlau zu sein wie eine funktionierende Bauchspeicheldrüse.

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  • Barbara Glaum

    wie immer toll geschrieben und SOOO wahr… Irgendwie triffst du immer genau die richtigen Worte, schon so oft lese ich deine Beiträge genau dann, wenn ich mich mies fühle und stelle fest: Hey, ich bin nicht alleine mit dem Kampf um akzeptable Werte und ich darf auch ruhig mal nicht diszipliniert sein…. und ja auch mein Monster hat ziemlich viel Einfluss auf mein Leben aber ich versuche -meistens- es nicht bestimmen zu lassen, wie mein Leben abläuft.

  • Karl Friederichs

    Kann man das nicht ganz anders sehen ?
    – Über Dinge, die ich nicht selbst verschuldet habe und nicht ändern kann, gräme ich mich nicht.
    – Im Prinzip ist in der Diabetes-Therapie in den letzten 30 Jahren so viel besser geworden (Pens, Messgeräte, intensive Therapie, Insulinpumpe – und nun permanente BZ-Messung mittels Sensor und die selbst abschaltende und warnende Pumpe. Und alles von der TKrankenkasse. Das sind die nächsten Schritte zu noch besseren Werten (meine erste Erfahrung) und weniger Folgeschäden.

    OK – Kopfrechnen war seit 55 Jahren nie mein Problem…

    Meine Meinung nach 25 Jahren Typ 1.